Koalitionsvertrag - Luftfahrtthemen

Man soll bekanntermaßen Politik und Religion nur sehr zurückhaltend bis gar nicht diskutieren - dennoch habe ich mal den aktuellen Koalitionsvertrag nach relevanten Passagen durchsucht. VATSIM wird nicht verboten, kann ich schon mal sagen.

Seite 150 - die Bundeswehr bekommt neue Kampfflugzeuge mit Fähigkeit zur nuklearen Teilhabe:

Wir werden zu Beginn der 20. Legislaturperiode ein Nachfolgesystem für das Kampfflugzeug Tornado beschaffen. Den Beschaffungs- und Zertifizierungsprozess mit Blick auf die nukleare Teilhabe Deutschlands werden wir sachlich und gewissenhaft begleiten.


Bewaffnete Drohnen sind ja auch Luftfahrt, insofern auch das als Ergänzung, ebenfalls auf Seite 150:

Bewaffnete Drohnen können zum Schutz der Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz beitragen. Unter verbindlichen und transparenten Auflagen und unter Berücksichtigung von ethischen und sicherheitspolitischen Aspekten werden wir daher die Bewaffnung von Drohnen der Bundeswehr in dieser Legislaturperiode ermöglichen. Bei ihrem Einsatz gelten die Regeln des Völkerrechts, extralegale Tötungen – auch durch Drohnen – lehnen wir ab.

Zu zivilen Themen: Wir werden erheblichen Ausbau von Windrädern sehen. Ich erwarte hierdurch durchaus eine Herausforderung gerade für die General Aviation. Eine Änderung erfolgt durch Änderung der Abstandsregelung zu den VOR - ein seit Jahren bekanntes Thema (Seite 58):

Wo bereits Windparks stehen, muss es ohne großen Genehmigungsaufwand möglich sein, alte Windenergieanlagen durch neue zu ersetzen. Den Konflikt zwischen Windkraftausbau und Artenschutz wollen wir durch innovative technische Vermeidungsmaßnahmen entschärfen, u. a. durch Antikollisionssysteme. Wir wollen die Abstände zu Drehfunkfeuern und Wetterradaren kurzfristig reduzieren. Bei der Ausweisung von Tiefflugkorridoren soll der Windenergieausbau verstärkt berücksichtigt werden.

Bei der Forschung bleibt man recht vage, man setzt aber darauf, dass die Luftfahrt ohne synthethische Kraftstoffe wahrscheinlich nicht funktionieren wird (Seite 27).

Luft- und Raumfahrt Raumfahrt und der Bereich New Space sind zentrale Zukunftstechnologien. Wir stärken das nationale Raumfahrtprogramm und die Europäische Weltraumorganisation (ESA) und bewahren ihre Eigenständigkeit. Wir entwickeln eine neue Raumfahrtstrategie unter Berücksichtigung der Vermeidung und Bergung von Weltraumschrott. Wir stärken den Luftfahrtproduktionsstandort Deutschland. Wir unterstützen die Erforschung und den Markthochlauf von synthetischen Kraftstoffen, die klimaneutrales Fliegen ermöglichen. Die Auftragsverfahren im Zusammenhang mit dem Luftfahrtforschungsprogramm für Entwicklung und Einsatz digitaler Werkzeuge, Prozessentwicklung, Materialforschung und Leichtbau sollen weiter beschleunigt sowie Vorauszahlungen ermöglicht werden. Wir stärken die Forschung zum Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe, für leisere Antriebe sowie für eine Plattform zur Simulation und Optimierung des Gesamtsystems Luftfahrt bezüglich seiner Klimawirkung.

Unter Verkehr steht dann noch folgendes zur Luftfahrt (Seite 53):

Luftverkehr Wir wollen die deutsche Luftverkehrswirtschaft und -industrie als Schlüsselbranchen nachhaltig und leistungsfähig weiterentwickeln, in einem umfassenden Beteiligungsprozess ein Luftverkehrskonzept 2030+ zur Zukunft der Flughäfen in Deutschland erstellen, die Schienenanbindung von Drehkreuzen fördern und durch bessere Bahnverbindungen die Anzahl von Kurzstreckenflügen verringern.

Deutschland soll Vorreiter beim CO2-neutralen Fliegen werden bei Wahrung von fairen Rahmenbedingungen im internationalen Wettbewerb. Unser Ziel ist die Schaffung von fairen Rahmenbedingungen im internationalen Wettbewerb für einen wirksamen Klimaschutz im Luftverkehr, der Emissionen effektiv reduziert sowie Carbon Leakage vermeidet. Bis zur europäischen Entscheidung über die Einführung einer Kerosinsteuer in Anlehnung an den Energiegehalt werden wir uns dafür einsetzen, auch europaweit eine Luftverkehrsabgabe einzuführen, wie sie in Deutschland erhoben wird. Wir werden uns bei der Europäischen Union dafür einsetzen, dass Flugtickets nicht zu einem Preis unterhalb der Steuern, Zuschläge, Entgelte und Gebühren verkauft werden dürfen. Mit Blick auf die aktuelle pandemiebedingte Krise der Luftfahrtbranche werden wir eine Erhöhung der Luftverkehrsabgabe erst nach 2023 prüfen. Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer werden wir für die Förderung von Produktion und Einsatz von CO2-neutralen strombasierten Flugkraftstoffen sowie für Forschung, Entwicklung und Flottenmodernisierung im Luftverkehr einsetzen. Wir unterstützen ambitionierte Quoten für Power-to-Liquid (PtL-Quoten) im Luft- und Schiffsverkehr, um einen Markthochlauf anzureizen. Wir wollen Fluglärm reduzieren und den Anteil lärmabhängiger Flughafenentgelte erhöhen. Wir fördern einen klimaneutralen Flughafenbetrieb.


Und für die Vatsim Lotsen: Ihr dürft zukünftig auf Fluglärm achten ;)

Die Aufgabe der Deutschen Flugsicherung wird um das Thema eines effektiven Lärmschutzes erweitert. Eine Änderung des Fluglärmschutzgesetzes werden wir auf Basis des Evaluierungsberichts der Bundesregierung betrachten. Wir werden uns auf EU-Ebene für die Umsetzung des „Single European Sky“ und einen niedrigeren Schwefelgehalt von Kerosin einsetzen.

Eigene Wertung: Große "Katastrophen" für die Luftfahrtbranche bleiben aus. Ich hätte mir durchaus noch ein stärkeres Bekenntnis zur Entwicklung von Elektromobilität auf Kurz- und Mittelstrecke und die Erwähnung der General Aviation gewünscht. Aber letztendlich ist es eher ein "weiter so" .
 
Ich hätte mir [...] die Erwähnung der General Aviation gewünscht.
These: Ich denke, in dem Fall ist es vielleicht ganz gut, dass die GA in Deutschland mehr oder weniger ein Nischendasein hat. Wenn Rasenmäher fliegen ein Breiten-Hobby wäre wie Fußball, würde die GA klimaschutztechnisch tatsächlich eine Rolle spielen und dann berechtigterweise auch stärker unter Druck geraten (anders als jetzt - verglichen mit der Linienfliegerei ist die GA ja nun eher ein Tropfen auf dem heißen Stein).

Insofern: Vielleicht gar nicht schlecht, dass der Fokus eher auf relevanteren Bereichen liegt (Kohle, Verlagerung von Fracht auf die Schiene, Ultra-Kurzstrecken-Linienflüge etc.) und gleichzeitig Hersteller wie Pipistrel die Innovationen in der fliegenden E-Mobilität vorantreiben. Nicht, weil es schon den übermäßigen Druck gäbe, sondern weil sie einfach Bock haben, was neues zu entwickeln.
 
Völlig richtig - zu viel "Aufmerksamkeit" kann auch schaden.

Andererseits, wenn man sieht was in der UL Szene die letzten Jahre passiert ist - topmoderne Luftsportgeräte - während andererseits fabrikneue Cirrus SR 22 zwar automatisch landen können, aber immer noch nach mit verbleitem Sprit fliegende Lycoming-Dinosaurier verlangen - dann sieht man das enorme Potenzial der GA, und da könnte Deutschland durchaus eine Menge zu beitragen.

Andererseits - es ist ja auch nicht verboten etwas zu entwickeln, ohne dass es im Vertrag steht.

Aber es hätten schon so Sätze kommen können wie "Wir werden uns bei der EASA dafür einsetzen, dass elektrische Antriebe eine wesentliche Rolle in der zukünftigen allgemeinen Luftfahrt spielen werden. Die Gleichstellung von elektrischen Antrieben mit Kolbenmotoren bei Klassenberechtigungen werden wir anregen bzw. im nationalen Zuständigkeitsbereich selbst ermöglichen. Wir werden die Etablierung von elektrischer und - wo sinnvoll - Wasserstoffinfrastruktur für den Flugbetrieb der allgemeinen Luftfahrt angemessen fördern.

Die Prozesse im Luftfahrtbundesamt werden durch Digitalisierung und angemessene personelle Ausstattung beschleunigt"...
 
Andererseits, wenn man sieht was in der UL Szene die letzten Jahre passiert ist - topmoderne Luftsportgeräte - während andererseits fabrikneue Cirrus SR 22 zwar automatisch landen können, aber immer noch nach mit verbleitem Sprit fliegende Lycoming-Dinosaurier verlangen - dann sieht man das enorme Potenzial der GA, und da könnte Deutschland durchaus eine Menge zu beitragen.

Denke, das liegt einfach am Prinzip. ULs fliegt man in der Regel nicht so weit, während die SR 22 als Reiseflugzeug für Gutbetuchte mit Drang nach Unabhängigkeit gedacht ist. Und in der Sparte ist die Technologie einfach noch nicht so weit. Das mag in 10 Jahren schon ganz anders aussehen - und das ist doch megaspannend! So einen technologischen Umbruch live mitzuerleben. Bei Autos ebenso.

Ok, die eine Firma tickt so, die andere so (dabei will ich Cirrus die Innovationen z. B. in Sachen Sicherheitstechnologie keineswegs absprechen). Aber wenn wir mal beim Auto-Vergleich bleiben: In Deutschland gibt's drölfzigtausend Ingenieure, deren Job es ist, aus einem Hochleistungs-Achtzylinder 690 statt 680PS rauszukitzeln, damit das Auto drumherum 339 statt 332 fahren kann. Hätten wir die Manpower und das Geld in den letzten 20-30 Jahren in alternative Antriebe gesteckt, kämen Teslas heute aus Deutschland (und wären besser verarbeitet...).
 

Interessant finde ich die Reduzierung der Abstände zu Funkfeuern. Bin gespannt, was die Messflieger für Einschränkungen feststellen werden. Allerdings muss man auch sagen, dass berechtigterweise immer mehr Navigationsanlagen abgebaut und durch Wegpunkte ersetzt werden. Von daher ist das wohl kein langfristiges Problem.

"DLH 12AB, say decibels..?"

Das sicher nicht :-D Aber Fluglärm hat in der Vergangenheit bereits einen erheblichen Einfluss auf unsere Arbeit gemacht und das wird somit auch mehr werden. Ich bin gespannt auf die Umsetzung, denn nicht wenige bisher umgesetzte Fluglärmmaßnahmen haben umgekehrt zu einen deutlich erhöhten CO2 Ausstoß durch Flugwegverlängerung geführt, teilweise auch zu Kapazitätsreduzierung. Zum Beispiel Abschaffung von Kurzanflügen, Flieger dürfen gar nicht mehr oder erst sehr spät von Abflugrouten direkt gedreht werden, etc.

Und es gibt eben die Maßnahmen, die faktisch gar keinen Lärm reduzieren, sondern eine populistishe Maßnahme sind, sich also politisch gut verkaufen lassen. Hier ist die immer wieder aufkommende Forderung gemeint, Flieger z.B. erst bei 20 Meilen in größeren Höhen aufs Final zu bringen, weil sie dann ja einen leisen CDO machen könnten. Das der Flieger bei 10 Meilen trotzdem in der gleiche Höhe ist, wie sonst auch und ich faktisch mehr Verlärmung betreibe, wird ausgeklammert. Immerhin sind solche Maßnahmen bisher nicht umgesetzt worde. Gefordert werden sie aber schon lange.

Die Vereinbarkeit von Lärmschutz, Ökologie und Ökonomie ist hochspannend, weil man in nur sehr wenigen Fällen aus Verfahrungs - und Flugsicherungssicht alles unter einen Hut kriegt. Die Entwicklung der Triebwerke dagegen, z.B. beim A320 neo (die 737Max habe ich noch nicht in echt gehöhrt) ist gewaltig und ein riesen Fortschritt beim Lärm.
 
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Ich erwarte auch in der General Aviation einen nicht unerheblichen Fortschritt - ich habe zwar die Pipistrel Velis noch nicht live gehört, aber gehe davon aus dass der Lärm erheblich geringer ist als bei der "Leistung satt ohne Kat - Hubraum ist durch nichts zu ersetzen außer durch noch mehr Hubraum" Variante von Lycoming (cooler ist so ein 6 Liter Hubraum Vierzylinder aber schon ;) ). Es ist halt schon bizarr - moderne UL sind klassischen GA Flugzeugen Lichtjahre überlegen und fliegen mittlerweile auch problemlos lange Strecken - und andererseits lässt sich Piper für eine neue Trainer-Variante ihrer Piper 28 für Flugschulen feiern. Und so sehr ich das mag - so kann es nicht weitergehen.
 

Michael Wellner

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VFR - Moderator
Aber wenn wir mal beim Auto-Vergleich bleiben: In Deutschland gibt's drölfzigtausend Ingenieure, deren Job es ist, aus einem Hochleistungs-Achtzylinder 690 statt 680PS rauszukitzeln, damit das Auto drumherum 339 statt 332 fahren kann.
Du hast vergessen zu erwähnen, dass die Produktionskosten dabei um mindestens 1% gesenkt werden müssen und der Motor auf dem Prüfstand vorgaukeln muss, 2% weniger Emissionen zu verursachen. ;)
 
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ich habe zwar die Pipistrel Velis noch nicht live gehört, aber gehe davon aus dass der Lärm erheblich geringer ist als bei der "Leistung satt ohne Kat - Hubraum ist durch nichts zu ersetzen außer durch noch mehr Hubraum" Variante von Lycoming (cooler ist so ein 6 Liter Hubraum Vierzylinder aber schon ;) ).
Bei der Popularität von Noise Canceling Headsets unter Privatpiloten kann der Lärm ja nicht so erstrebenswert sein ... :)
 
Bei der Popularität von Noise Canceling Headsets unter Privatpiloten kann der Lärm ja nicht so erstrebenswert sein ... :)
ganz im Gegenteil. Jede Verbesserung der des Geräuschpegels ist auch eine Verringerung des Stressniveaus.
Die Noise Canceling Headsets sind dabei nur eine Lösung, um die Geräusche noch weiter zu minimieren. Ein Flugzeug(motor) macht einen gewissen Lärm, der durch eine dünne Kabine nicht besonders gut gedämmt werden kann. Dazu kommt das der Pilot oft nicht mehr als 2m von dem Motor und Propeller entfernt ist.
 
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Ich finde das sonore Brummen auf langer Strecke sogar beruhigend - hab ein passies David Clark H10.13.4 und das ist eine klare Empfehlung. M.E. braucht man nicht zwingend das überteuerte Bose A20 aber da gehen die Meinungen ziemlich auseinander.

Das Headset ist aber definitiv das wichtigste Utensil im Flieger - mein erstes Solo hatte ich mit meinem jetzt nur noch für Vatsim genutzten Peltor 8006 und da hab ich den Turm kaum verstanden.
 
Das Headset ist aber definitiv das wichtigste Utensil im Flieger - mein erstes Solo hatte ich mit meinem jetzt nur noch für Vatsim genutzten Peltor 8006 und da hab ich den Turm kaum verstanden.

Kann nur bestätigen, dass ein gute Headset viel wert ist. Wir hatten früher im Verein je Maschine 2 Schüler-Headsets, die immer drin blieben. Nach bestandener PPL kauften sich dann die meisten ihr eigenes Gerät.

Aufgrund von Covid sind solche Gemeinschafts-Headsets nicht mehr möglich, und wir haben in einer Sammelbestellung Bose A20 zu einem guten Preis bekommen. Von einem Tag auf den anderen reduzierte sich die Anzahl der "say again"-Sprüche markant.

Ich finde das sonore Brummen auf langer Strecke sogar beruhigend - hab ein passies David Clark H10.13.4 und das ist eine klare Empfehlung. M.E. braucht man nicht zwingend das überteuerte Bose A20 aber da gehen die Meinungen ziemlich auseinander.

Geht mir gleich. Meine Frau hat von mir ein Bose A20 bekommen, weil sie auf Flügen >2h gerne eine Runde schläft oder mit Mutti telefoniert. Ich selbst habe ein passives Sennheiser S1, das ich einem früheren Arbeitskollegen günstig abgekauft habe, und bin super zufrieden damit. Dadurch kann ich sogar hören, wenn ich die Höhe nicht sauber halte (Steig-/Sinkflug --> Geschwindigkeit ändert sich --> Drehzahl ändert sich). Würde ich mit einem aktiven wohl eher nicht können.
 
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